Kinder-Rechte - Das Kinderrecht auf qualifizierte Erziehung

Das Recht der Kinder auf qualifizierte Erziehung wird bisher mit Füßen getreten, obwohl seit 2000 durch §16,31 BGB den Kindern ausdrücklich das Recht auf gewaltfreie Erziehung zugesprochen wird. Für die Einlösung dieses Rechtes ist die Politik zuständig, die aber schiebt den schwarzen Peter den Eltern zu und vergeht sich dadurch an den Kindern.

Auf meinen Vorschlag an Dr. Ursula von der Leyen, Kindergeld an den Besuch von Erziehungskursen zu koppeln, damit wirklich alle Väter und Mütter, parallel zur Entwicklung ihrer Kinder, eine pädagogische/psychologische Ausbildung für den verantwortungsvollen Elternberuf erhalten, wurde im Antwortschreiben des Ministeriums eine Ablehnung mit einem „Eingriff in Elternrechte” begründet.

Doch was ist mit den Rechten der Kinder? Es wird so getan, als ob grundsätzlich alle Eltern, die sicher das Beste für ihre Kinder wollen, von Natur aus zu einer qualifizierten Erziehung befähigt wären. Dass das Gegenteil allzu häufig der Fall ist, beweisen nicht nur die erschütternden Fälle von Kindesmisshandlung und Verwahrlosung in jüngster Zeit, sondern auch die Fernsehsendungen, bei denen verzweifelte Eltern trotz guten Willens im Erziehungschaos nicht mehr aus und ein wissen und sich Hilfe suchend z. B. an die „Super Nanny” wenden. Auch wenn in kurzer Zeit die ratlosen Mütter und Väter bessere Erziehungsmethoden anzuwenden lernen, so ist fraglich, wie lange die fremdgesteuerten Verhaltensänderungen anhalten. Vor allem aber können die traumatischen Erlebnisse, die die Kinder vorher erlitten haben, bereits dauerhafte Schäden hinterlassen haben. Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, schätzt: „Rund 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche bedürften einer Behandlung.” (Deutsches Ärzteblatt, 4/2007).

Die Tatsache, dass psychische Beeinträchtigungen nicht von selbst verschwinden, beweisen umfangreiche Studien. Nach Untersuchungen von Vincent J. Felitti aus den Jahren 1998, 2002 und 2003 an 17.400 US-Bürgern/Bürgerinnen aus der Mittelschicht, leiden bis zu 25% der über Fünfzigjährigen an behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen, die auf schlimme Kindheitserfahrungen zurückzuführen sind (Hauptvortrag auf der 10. Jahrestagung der DeGPT am 24.05.08 in Basel). Als familiäre Belastungsfaktoren führt Felitti u.a. auf: Wiederholter und schwerer körperlicher Missbrauch, wiederholter und schwerer emotionaler Missbrauch, sexueller Missbrauch, Aufwachsen in einem Haushalt mit einem Alkoholiker oder Drogensüchtigen, einem chronisch depressiven Familienmitglied oder in dem die Mutter körperlich misshandelt wurde.

In meiner psychotherapeutischen Praxis erlebe ich täglich, dass auch weniger spektakuläre Erziehungsfehler in scheinbar intakten Familien schwerwiegende Folgen für die Entwicklung von Kindern nach sich ziehen und lang andauernde psychische Erkrankungen verursachen.

Erstaunlich ist, dass die Kosten für Psychotherapie der Allgemeinheit aufgebürdet werden, man jedoch eine notwendige Prävention zum Schutze der Kinder unterlässt.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass — wie beim Passivrauchen, wo endlich, anstelle einer verkehrten Rücksichtnahme auf Raucher, der Nichtraucherschutz gesetzlich verankert wird — sich eines Tages psychologische Erkenntnisse und Vernunft durchsetzen werden und Kinderrechte Vorrang vor Elternrechten erhalten. Die längst überfällige Einlösung der Verpflichtung der Politiker, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern (www.kinderrechte-ins-grundgesetz.de), könnte den entscheidenden Anstoß geben.

In Anbetracht der vielfältigen Hürden, nicht nur seitens der Politik, sondern auch seitens vieler Eltern, ist es notwendig, mit der Prävention sofort zu beginnen und bereits Jugendliche in gewaltfreier Kommunikation zu schulen und auf Elternschaft vorzubereiten.