Warum ein Kulturpreis?

Unter den 28 Kategorien, aus denen der Europäische Kulturpreis seit 1991 bisher ausgewählt worden ist, sucht man trotz ihrer fundamentalen Bedeutung die Pädagogik vergebens. Auch erhielt bisher kein Pädagoge den Nobelpreis oder den alternativen Nobelpreis.

Und dabei ist Erziehung die Basis der Kultur. Das konnten wir bereits 1962 vom Brockhaus in überzeugender Weise erfahren: „Kultur ist das Ganze der Bestrebungen, die natürlichen Fähigkeiten des Menschen zu entwickeln, zu veredeln und zu gestalten.”

Was aber, wenn es misslingt, die Persönlichkeit eines Menschen zu kultivieren? — Dann entsteht Unkultur, mit zerstörerischen, unzivilisierten, die Gemeinschaft schädigenden Kräften. Kinder, die von den Erziehenden mit psychischem Druck oder körperlicher Gewalt manipuliert werden, erkranken seelisch, oder sie wehren sich und entwickeln brutale Methoden im Umgang mit anderen. Unkulturen, in denen die Stärkeren die Schwächeren unterdrücken und Konflikte mit verletzenden Worten oder mit Gewalt ausgetragen werden, sind in Beziehungen, Familien, Schulen, Betrieben und auf der Straße weit verbreitet.

Das dürfte nicht sein. Das intelligente Wesen Mensch hat in seiner Jahrtausende langen Geschichte in vielen Kulturen und seit über hundert Jahren durch die Erkenntnisse der Psychologie und Pädagogik zivilisierte Methoden entwickelt, die einen kultivierten Umgang mit Trieben und Emotionen und gegenseitige Rücksichtnahme ermöglichen. Mit qualifizierter Schulung könnten wir unseren Kindern emotionale und soziale Kompetenz vermitteln und sie auf kindgerechte Elternschaft vorbereiten.

Eine freundliche, von gegenseitigem Respekt und Gemeinsinn geprägte Erziehung schafft erst eine Gesellschaft mit dem berechtigten Anspruch, zivilisiert zu sein, und legt den Grundstein für den Frieden unter den Völkern der Welt.

Doch Erziehung ist kein Kinderspiel, sondern eine Leistung, die Befähigung, Wissen und Können erfordert und, wie andere kulturelle Errungenschaften, erlernt werden und zu einer Kunst entfaltet werden muss. Erziehung als Kunst ist eine Würdigung geschuldet, wie anderen Künsten auch. Das Ansehen von Pädagogik, die erzieherischen Leistungen von Eltern, Erziehern und Lehrern bedürfen einer fundamentalen Aufwertung.